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Soziale Benachteiligung

Ganztagsschule trägt zur Linderung schlechter Startchancen bei.

Kinder und Jugendliche mit einem benachteiligenden häuslichen Hintergrund erfahren in der Schule nicht die Unterstützung, derer sie bedürfen. Wer aus einem Milieu kommt, das als sozial benachteiligend zu beschreiben ist, hat bei gleicher kognitiver „Ausstattung“ eine wesentlich geringere Chance auf einen höherwertigen Schulabschluss als Kinder und Jugendliche, deren Eltern als „bildungsnah“ bezeichnet werden. Dieser Befund ist nicht nur in Hinblick auf jeden einzelnen jungen Menschen eine Bankrotterklärung – angesichts der zurückgehenden Bevölkerungszahl kann es sich unsere Gesellschaft gar nicht leisten, vorhandenes intellektuelles Potential nicht zu nutzen.
Ganztagsschulen könnten das Leben insbesondere der jungen Menschen positiv beeinflussen, die auf Grund ihrer Herkunft verschiedene Lebensrisiken tragen. Sie sollten auf einer Ganztagsbetreuung im Kindergarten aufbauen können, in der die Kinder in einem rhythmisierten Tagesablauf aufwuchsen, ihren Bewegungsdrang kennen lernen und ihm nachgehen durften, in der sie mit gesunder Ernährung versorgt wurden, Hygienemaßnahmen kennen gelernt und übernommen haben sowie Neugierde und Freude am Lernen entwickeln konnten.
Eine Schule, die Kindern und Jugendlichen auf dieser Grundlage verlässliche Zuwendung, ästhetische und formale Bildung sowie die Befriedigung der grundlegenden Bedürfnisse gewährleistet, könnte in der Lage sein, den Kindern, die am Rande leben, andere Perspektiven zu eröffnen als die in ihrer Familie üblichen. Für Kinder, die zu Hause einen wenig strukturierten Alltag erleben, seltener erfahren, dass ihnen zugehört wird, die keine gute Ernährung genießen und sich ihre Anregungen im Fernsehen holen, ist ein klarer Rahmen von Regeln und Rhythmen ebenso wichtig wie das Gewähren von Freiräumen und Experimentierfeldern, in denen sie sich erproben können. Insbesondere aber bedürfen sie der Anerkennung als bedeutsames und wertvolles Mitglied der Schulgemeinde.

Bedacht und geklärt werden sollte,

  • dass Kinder aus Elternhäusern, die zu wenige und andererseits zu enge Grenzen stecken, in das Leben in der Gemeinschaft eingeführt werden müssen. Ordnungen sind dann Geländer, die Sicherheit bieten.
  • dass nicht alle Kinder zu den Spiel- und Lernangeboten alleine Zugang finden. Schülerinnen und Schüler aus Familien, in denen nicht vorgelesen und nicht gemeinsam gespielt wird, müssen erst gewonnen werden.
  • dass manche Kinder auch in Hinblick auf das Hygieneverhalten nicht die Voraussetzungen mitbringen werden, die einen selbstständigen Umgang mit den Anforderungen eines ganzen Tages gewährleisten. Diese Kinder brauchen Anleitung und Erinnerungen.
  • dass eine „normale“ soziale Zusammensetzung der Lerngruppen wichtig ist; das erfordert eine entsprechende Einteilung der Schulbezirke.
  • dass Kinder, die sich zu Hause in ihrer Persönlichkeit nicht wahrgenommen fühlen, denen kaum einmal vorgelesen wird, in der Schule Menschen brauchen, die Zeit für sie haben.

Bewährt hat sich,

  • Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligenden Verhältnissen Aufgaben zu übertragen, die sie bewältigen können. Dadurch erfahren sie die Anerkennung, die ihr Selbstwertgefühl stärkt.
  • die gemeinsame Aufnahme kindgerechter, aber qualitativ hochwertiger Speisen mit der Ruhe und Wertschätzung stattfinden zu lassen, die sie verdient. Gerade Kinder aus Familien, die sich „irgendwie durch den Alltag bringen“, sind empfänglich für Riten und Rituale.

Irmtraud Schnell


Links, Literatur und best practice

Geiling, Ute (Hrsg.): Pädagogik, die Kinder stark macht. Ansätze zur Arbeit mit Kindern in Not. Opladen 2000

Thurn, Susanne/Tillmann, Klaus-Jürgen (Hrsg.): Unsere Schule ist ein Haus des Lernens. Das Beispiel Laborschule Bielefeld. Reinbek bei Hamburg 1997

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