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Be(nach)teiligung

„Benachteiligte“ brauchen keine Fürsorge,
sondern Gestaltungsräume.

Ganztagsschule ist nicht per se eine fördernde Schule für Kinder und Jugendliche, die aufgrund ihrer sozialen und/oder kulturellen Herkunft benachteiligt sind. Oft empfinden diese Jugendlichen Schule als eine ihnen fremde Einrichtung und Zusatzangebote als diskriminierend. Mehr Schulzeit pro Tag wird daran nicht von selbst etwas verbessern. Misserfolge, Ermahnungen und Sanktionen schaffen keine Lust auf mehr.
Es sind Erfahrungen eigener Kompetenz, eigener Bedeutung und Wirksamkeit, die zu Motivation, Lernwillen und Engagement führen. Schülerinnen und Schüler haben ihre Wünsche und Vorstellungen, die sich in der Umsetzung entwickeln und verändern. Sie verstehen genau, dass die Schule Vorgaben hat (Ziele, Personen, Ressourcen) und dass ihre Gestaltung Regeln braucht. Sie akzeptieren, dass im Konzept ihrer Schule ganz unterschiedliche Gesichtspunkte zu berücksichtigen sind.
An Ganztagsschulen steht mehr Zeit füreinander zur Verfügung: zum Gespräch, zum Erzählen, zur informellen Begegnung, zur gemeinsamen Gestaltung. Um das Mehr an Zeit nutzbringend zu gestalten und die Schule für die Kinder und Jugendlichen attraktiv zu machen, empfiehlt es sich, sie in die Gestaltung des Ganztagsangebotes einzubeziehen. Es ist die zunehmende Einbeziehung in das Aushandeln, Kompromisse schließen, Bedingungen berücksichtigen, die erwachsen macht.
Benachteiligte Jugendliche als Subjekte des Entwicklungsprozesses bei der Ganztagsgestaltung ernst zu nehmen, ermöglicht es ihnen, die Schule als ihre zu erleben und zu nutzen. Es schafft Lernmöglichkeiten für sie (Aspekte des Management, Erfahrungen in komplexem, verantwortungsvollem Planen, Umsetzen und Überwachen) und hilft der Schule, die richtigen Angebote bereitzustellen, um interessant und attraktiv zu werden.
Dies ist ein Plädoyer dafür, unter allen Umständen zu vermeiden, dass sich die Schule wie ein Ort der Fürsorge für die „armen Benachteiligten“ verhält, die sich anschließend vielfach auch noch als scheinbar „undankbar“ erweisen. Ganztagsschule muss zu dem Ort werden, an dem sich benachteiligte Jugendliche (auch in Konflikten) als ernst genommene und angenommene Subjekte ihrer eigenen Zeit und Entwicklung fühlen. Selbstwertgefühl, Kompetenzerfahrung, Angenommensein: dazu kann Ganztagsschule beitragen, wenn sie den Respekt und Takt zeigt, den benachteiligte Jugendliche besonders brauchen.

Bedacht und geklärt werden sollte,

  • wie man im dreigliedrigen, selektiven Schulsystem Aussonderung von Benachteiligten durch individuelle Förderung vermeiden kann.
  • dass nicht jede Pädagogin und jeder Pädagoge im Umgang mit jeder Schülerin und jedem Schüler die geeignete Bezugsperson ist und ein Wechsel der Lehrkräfte oft befreiend wirkt.
  • ob man zur Reflexion des schwierigen und oft persönlich belasten- den Umgangs mit benachteiligten Jugendlichen Hilfe von außen (z.B. durch Supervision) braucht.

Bewährt hat sich,

  • in besonders schwierigen Fällen in Kooperation mit anderen, nicht schulischen Lernorten Möglichkeiten zu finden, den betreffenden Kindern und Jugendlichen ein adäquates Lernangebot zu unterbreiten.
  • die Beteiligung benachteiligter Kinder und Jugendlicher nicht von formellen Riten abhängig zu machen, sondern Möglichkeiten zu finden, die deren Jugendkultur, Ausdrucksformen und auch Zeitrhythmen entsprechen.

Bernhard Eibeck

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